Es ist unerträglich, wie hoch die Dichte von Buzzword-Bingo und kalenderspruchartigem Geschwafel aktuell in den (überwiegend) sozialen Medien ist. Selbst gestandene Berater wissen nicht mehr zu sagen als „Wir müssen gestärkt aus der Krise hervorgehen“, „du musst immer einmal mehr Aufstehen als Hinfallen“ (was übrigens Blödsinn ist, da man nicht einmal mehr aufstehen kann, als man hinfällt) und „nur wer scheitert, kann sich weiterentwickeln“.

Ist das die Ebene auf der wir denken und handeln müssen? Ist diese Grütze auch nur einen Beratertag wert? Fakt ist: Keiner hat gesagt : „Schickt mit mal COVID-19 vorbei, ich will mich weiterentwickeln“ und keiner hat je „Hier“ geschrien, wenn es darum ging das Scheitern zu verteilen. Gott sei Dank haben wir relativ wenig Tote zu beklagen. Aber die Zahl der toten Existenzen ist nach drei Monaten signifikant. Und da kommen Menschen um die Ecke und verkünden, dass in jeder Krise die Chance steckt. Erzähle das mal meinem Musikerkollegen, der bis Ende Oktober keine Auftritte mehr hat. Wir müssen unser Geschäft disruptieren – auch das ist immer wieder ein Schlager. Natürlich müssen viele ihre Geschäftsmodelle überdenken und – so weit es geht – veränderten Rahmenbedingungen anpassen. Das kann ich aber nur so lange, wie ich die Rahmenbedingungen voraussehen kann. Und es gibt tatsächlich noch Branchen und Berufe, da geht dies schlichtweg nicht. Was also tun? Wir müssen in die Tiefe denken. Wir bearbeiten die meisten Probleme nur an der Oberfläche, deshalb kommen sie auch immer wieder. Nur die Schuld liegt dann immer im Außen. Mal ist es die Finanzkrise, mal ist es ein Virus. dabei vergessen wir, dass für fast alle Krisen der Mensch verantwortlich ist. Krisen sind der Ausdruck von bestimmten Verhaltensweisen und deren Auswirkungen. Es gibt keine „Schuldigen“ im Außen, maximal Auslöser oder Verstärker. Wenn wir einen vermeintlichen Grund für ein Problem oder eine Krise entdeckt haben, dann müssen wir öfter fragen „Woran liegt das?“. Die erste Antwort findet sich immer schnell und legt meist im Außen. Das Umfeld, die Wirtschaft, die Natur, die Regierung, der Nachbar oder Donald Trump. Wer so denkt, kann sich nicht weiter entwickeln – der passt nur auf möglichst nicht hinzufallen und tut alles dafür schnell wieder aufzustehen. Die aktuelle Krise hat uns von heute auf morgen den Boden unter den Füßen weggezogen. Als hätte uns jemand einen Stock in die Speichen gerammt. Und wir haben gemerkt, dass wir die ganze Zeit nur funktioniert konnten, so lange Leistung möglich war. Wir haben Leistung optimiert bis zum Erbrechen. Standardisiert, reglementiert, dokumentiert. Und das Ergebnis sah gut aus. Doch bereits hier gab es Verluste, die aber dadurch erklärt wurden, dass dies halt so sein muss. Unternehmen geben ihren Lieferanten und Dienstleistern so genannte Zielpreise vor, die nur zum Ziel haben, die eigenen Einsparziele zu erreichen. Da sich immer ein Lieferant findet, der für diese Konditionen arbeitet gilt in vielen Fällen die Devise: Bevor der andere den Job bekommt, ziehen wir  lieber gleich oder gehen it dem Preis drunter. Die Folge: Dieser Verlust wurde bei den eigenen Lieferanten wieder eingeklagt oder/und die Produkte wurden nun qualitativ minderwertiger. Ein Kreislauf, der nur so lange funktioniert, wie die Leistung auch abgerufen werden kann. Die aktuelle Krise zeigt uns deutlich, auf welchem dünnen Eis wir uns die letzten Jahre bewegt haben. Und wie instabil und wenig vertrauensvoll viele Geschäftsbeziehungen in Wahrheit sind. Wenn zwei Monate Lockdown ausreichen, um dieses Kartenhaus zum Einsturz zu bringen, dann hat COVID-19 bestimmt einen Anteil an dieser katastrophalen Situation, ist aber definitiv nicht alleinverantwortlich. Anstatt über Hinfallen und Aufstehen zu sanieren und die Krise als Chance zu sehen, um danach nur wieder weiter zu machen wie bisher, sollten wir diese Zeit auch nutzen, um darüber nachzudenken, wir wir unser eigenes Geschäft so gestalten können, dass es nicht nur profitabel, sondern auch belastbarer wird. Besonders im Vertrieb darauf achten, dass die Umsatz- und Gewinnmaximierung nicht die wirklichen Säulen des Geschäftes überstrahlt. Wir benötigen keine fiktiven Horror-Szenarien am Reissbrett, sondern müssen gnadenlos analysieren, was die tatsächlichen Gründe sind, die für unsere größten Schmerzen während des Krise verantwortlich waren. Und dabei ein Stückchen weiter denken als an das Geschäftsmodell, die Organisation oder andere Rahmenbedingungen. Wir müssen an´s „Eingemachte“ gehen und uns fragen, oben es wirklich noch sinnvoll ist Fünfjahrespläne aufzustellen, viele Ressourcen in die Entwicklung von Visionen und Claims zu stecken, denen 80% der Mitarbeiter ohnehin nicht folgen, weil sie nicht den ihren entsprechen. Nutzen wir diese stark emotionale Zeit, um Emotionen zuzulassen, sie einzufordern und individuelle Motive und Werte zu entdecken. Um einen konstruktiven Diskurs über Zusammenarbeit, Kundenbeziehungen, Vertrauen und Miteinander in Gang zu bringen. Die Gefahr beim Aufstehen und sofort Weitermachen liegt darin, dass wir wieder so aufstehen, wie wir hingefallen sind. Und die nächste Krise kommt bestimmt.